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Babypuppe simuliert Muttersein

Sie schreit, quängelt, hat Hunger und macht in die Windel - wie ein echtes Baby. Doch in der Jugendwohngruppe des St. Vinzenz e.V. am Gartenkamp macht eine computergesteuerte Puppe auf sich aufmerksam, kein echtes Baby. Die jugendlichen Bewohner, alle zwischen 14 und 18 Jahre alt, können nun kennen lernen, wie es wirklich ist, ein Baby zu haben, Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Den Kauf der Puppe, die noch keinen Namen hat, haben großzügige Spenden ermöglicht.

Der Lions-Club Bochum 08/09 hat 1000 Euro aus einer Auktion gespendet. Zudem haben Christine Beckmann und Alexander Klein 700 Euro gegeben. Sie feierten beide kürzlich ihren 40. Geburtstag. Anstatt Geschenken baten sie alle Gäste, die sie zu ihrer Geburtstagsfeier im mittelalterlichen Stil eingeladen hatten, nicht nur um eine passende Verkleidung, sondern auch um eine Spende. „Wir haben die CDs und Bücher, die uns interessieren, da ist es doch besser, sich zielgerichtet für eine gute und so wichtige Sache einzusetzen“, erläuterten Christine Beckmann und Alexander Stein ihre Beweggründe. Moritz Hebeler, Vorsitzender des Lions-Club Bochum pflichtet ihnen bei: „Es ist auch wichtig, dass man weiß, wohin das Geld geht und welche sinnvollen Dinge damit unterstützt werden.“





Die fünf Mitarbeiter der Jugendwohngruppe des St. Vinzenz e.V. am Gartenkamp werden die Puppe nun in ihrer sozialpädagogischen Arbeit mit den Jugendlichen einsetzen. „Viele Mädchen senden Signale, dass sie ein Baby süß finden und auch eines haben wollen“, sagt Gerd Krugmann, pädagogischer Leiter des St. Vinzenz e.V., „sie hatten selbst keine eigene funktionierende Familie und wollen jetzt jemanden haben, der sie bedingungslos liebt, nicht einfach abschiebt.“ Häufig hegen Mädchen einen Babywunsch, die keine Perspektiven sehen, Probleme in der Schule haben, deren Freundschaften nicht funktionieren. „Es gibt Mädchen, die mit dem Muttersein einen sozialen Aufstieg verbinden“, ergänzt Gerd Krugmann. Seine eigenen Erfahrungen haben zudem gezeigt, dass die Pädagogen zwar immer wieder gebetsmühlenartig die Probleme vor Augen führen, doch „reden allein oder eine Beratung bei Pro Familia reichen nicht“, weiß Gerd Krugmann.

Das die weiterführende Aufklärung notwendig ist, hat sich bereits gezeigt: „In den vergangenen zwei Jahren hatten wir zwei schwangere Mädchen“, berichtet Sina Kaufmann, Sozialpädagogin in der Jugendwohngruppe. Die Mitarbeiter werden zurzeit „an der Puppe“ geschult, ab Januar werden dann die Jugendlichen - wenn sie wollen, auch die Jungen - die Babypuppe betreuen. „Wir werden die Puppe gezielt in unsere Arbeit einbinden, besonders dort, wo wir das Gefühl haben, es ist präventiv notwendig“, betont Sina Kaufmann. Die Puppe wird dann mit einer Art Fernbedienung programmiert und spielt dann sehr realistisch rund um die Uhr das Muttersein. Vom Aufwachen über das Hungergefühl, einfach nur quängelig sein, bis hin zu einer Erkrankung - alles ist möglich. Und die Jugendliche, die sich kümmern muss, trägt ein Armband mit Chip, das sie nicht einfach ablegen kann. Und das Baby beruhigt sich auch mitten in der Nacht erst, wenn sich die „Mutter“ richtig kümmert.

Die geschulten Sozialpädagogen der Jugendwohngruppe werden die „Eltern“ während ihrer „Babyzeit“ begleiten und betreuen. Mit einem Computerprogramm können die Ergebnisse ausgelesen werden. „Wir werden den Mädchen und Jungen dann unser Feedback geben, wie sie sich geschlagen haben“, erklärt Sina Kaufmann.

1.700 Euro hat die Puppe gekostet, inklusive der Mitarbeiter-Schulungen. Sollte das Projekt erfolgreich sein, kündigt Gerd Krugmann den Kauf einer zweiten Puppe an. „In unserer Wohngruppe in Wattenscheid können wir eine zweite Puppe gut gebrauchen. Allerdings sind wir dafür auf Spenden angewiesen.“ Auf Spenden, wie die von Christine Beckmann, Alexander Klein und dem Lions-Club Bochum.